Christiane Geiser

Anwesend – Abwesend

7.12.2010

Der kürzlich verstorbene Walter Helmut Fritz ist ein Autor, den ich dank der Homepage  des Karlsruhers Matthias Kehle, der auch einen empfehlenswerten Lyrikblog pflegt, kennen gelernt habe. Die Seite ist mit einer Zeile dieses Schriftstellers, Übersetzers und Lyrikers  überschrieben, die heisst:

Und doch ist das Ausgelassene anwesend.

Manchmal finden wir ja Sätze, die das Eigene so ausdrücken, wie wir es selber nicht besser hätten tun können.

Robert Walser formuliert es ähnlich:

Was nicht anwesend ist, ist es dadurch gerade sehr.

Wer war W. H. Fritz?

Lakonisch, ein Dichter der leisen Töne, ein unaufgeregter Stil, ein vollständiger Mangel an Pathos und Eitelkeit, ein unauffälliger Mensch – das war in den Nachrufen zu lesen. Betont wurde also eher die Abwesenheit von etwas – und was war anwesend?

Zum 100. Todestag Eduard Mörikes sagte
W. H. Fritz:

Es war in der Art, mit der sich Mörike den Dingen näherte, eine tiefe Aufmerksamkeit, die aus der Erfahrung kam, wie wichtig der Blick auf die Dinge ist, der konzentrierte, empfängliche, meditative Blick; aus der Erfahrung, dass im Blick, auch im zeitweise abgewendeten, alle Erkenntnis sein kann; dass man in der Anschauung nie an eine Grenze kommt; dass der Blick Resultat höchster Bewusstheit ist; dass er An- und Abwesenheit verbindet.

Ja. Die Verbindung von Anwesenheit und Abwesenheit.

Das Gedicht, an das ich denke, wenn ich schreibe: / Es teilt nicht nur Erfahrung mit, sondern schafft sie vor allem.

Ich habe es als lohnenswert empfunden, eine Weile neben diesem Menschen herzugehen und seinem Blick auf die Dinge zu folgen.